Dieser Text informiert äußerst knapp über die kompositorischen Ideen und Impulse im 20. Jahrhundert. Der Begriff Expressionismus fasst als letzter Epochen-Stilbegriff eine größere Anzahl stilstisch ähnlicher Werke zusammen. Die dem Expressionismus nachfolgenden Begriffe stehen für Ideen bestimmter Komponisten. Andere Komponisten des 20. Jahrhunderts greifen diese Ideen als Impulse in unterschiedlicher Weise auf und integrieren diese in eigene stilistische Vorstellungen.

Die Normen der Klassik (1770–1810, Mozart, Beethoven) sind definiert durch den starken, expressiven Ausdrucks- und Mitteilungswillen der Komponisten, was sich in den sich durch Klarheit und revolutionärer Ausdrucksstärke auszeichnenden musikalischen Stilmittel niederschlägt (siehe Artikel Sonate). In der Romantik, in der sich Komponisten einerseits in ihre eigene Gefühlswelt zurückziehen und die sensiblen innerlichen Regungen darzustellen versuchen, andererseits auch ihre Umwelt in schönen Farben gestalten, werden die musikalischen Ausdrucksmittel zunehmend ausdifferenziert. In der Spätromantik (ab 1860, Wagner, Reger) lösen sich einige Komponisten unüberhörbar von den traditionellen Stilmitteln Vor allem löst sich die Harmonik durch häufige Verwendung der Chromatik von der Bindung an die traditionelle Harmonik, an die Kadenz bzw. an den Grundton.

Der Impressionismus (1890–1910, Debussy, Ravel) führt diese Loslösung durch Auflösung traditioneller Melodik, Rhythmik, Harmonik und Form weiter. Im Impressionismus spiegelt sich eine künstlerische Haltung wider, die eher unpolitisch zu bezeichnen ist. Obwohl die Impressionisten eher eine Proletarierexistenz führten, sind sie politisch passiv in einer Zeit, in der sich der Finanz- und Industriekapitalismus mit all seinen negativen Auswirkungen konsequent weiterentwickelt. Die moderne Technik führt eine unerhörte Dynamisierung des Lebensgefühls herbei. Alles Stabile und Festgefügte löst sich auf. Der Impressionist nimmt dem Leben gegenüber jedoch eher eine passive Haltung ein und begnügt sich mit der Rolle des Zuschauers, der seine Stimmungen und Eindrücke in der Kunst äußert. Das Spiel mit Licht und Farben in der Malerei spiegelt sich auch in der Musik wider. So darf man wohl den Impressionisten als typischen nach innen gekehrten Romantiker bezeichnen, wie er uns auch schon zu Beginn der Romantik begegnete.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: Motivreihungen, weiche Konturen, wellenförmig, kreisend
  • Rhythmik: differenziert, fortwährend sich verändernd
  • Harmonik: Dissonanz als Farbe, Auflösung der Funktionsharmonik, Akkordverschiebungen
  • Form, Struktur: keine klare Gliederung, collageartig
  • Dynamik: sehr flexibel, fortwährende Übergänge
  • Klang: zart, farbensprühend
  • Wirkung: introvertiert, feinfühlig

 

Hörbeispiel (Claude Debussy: La Mer, 1905)

 

 

 

 

 

Die Zeit des ersten Weltkriegs spiegelt sich auch in der Klultur. Der Expressionismus (1910–1920, Strawinsky, Schönberg) kann mit seinen expressiven Ausbrüchen der Rhythmik und des Klan­ges als emotionaler Ausdruck dieser Zeit verstanden werden. Eine Gruppe junger Künstler beginnt in Europa gegen eine selbstgefällige Gesellschaft zu revolutionieren und bringt in Literatur, Kunst und Musik die brutalen Schrecken dieser Zeit bildlich und emotional zum Ausdruck. Provozierend und aufrüttelnd wie etwa das Bild Der Schrei von Edward Munch, so schreit die Musik mit ihren Mitteln.

 Die Musik in Stichworten

  • Melodie: ungesanglich, teilweise scharfkantig, sprunghaft, auch prägnante Motive
  • Rhythmik: scharfe, impulsive Ausbrüche, auch prägnante Abschnitte
  • Harmonik: scharfe Dissonanzen, atonal
  • Form, Struktur: Formale Festigung, auch traditionelle Formen
  • Dynamik: Kontraste, Ausbrüche
  • Klang: scharfe Klangausbrüche
  • Wirkung: extrovertiert, expressiv, lebendig

 

Hörbeispiel (Igor Strawinsky: Danse sacrale aus Le Sacre du printemps, 1913)

 

 

 

 

 

Die Zeit zwischen 1910 und 1920 bringt einige kuriose Ideen hervor. Der Futurismus, eine aus Italien stammende avantgardistische Kunstbewegung, will eine neue Kultur begründen. Er erklärt die technifizierte Welt zum einzig kunstwürdigen Gegenstand. Die zunehmende Technisierung der Welt versuchen einige Künstler aufzugreifen, indem sie etwa in der Musik technische Klangerzeuger verwenden. Die futuristische Bewegung begründete der junge italienische Jurist und Dichter Filippo Tommaso Marinetti. Er veröffentlichte 1909 in der französischen Zeitung Le Figaro sein erstes futuristisches Manifest. Der Inhalt dieses Manifestes stellt einerseits eine Provokation gegenüber der bürgerlichen Kultur dar, andererseits kommt eine die Gewalt und den Krieg verherrlichende Nähe zum Faschismus zum Ausdruck. Die futuristische Musik, der Bruitismus, ist eng mit den Namen Francesco Balilla Pratella und Luigi Russolo (1885–1947) verbunden. 1913 veröffentlichte Russolo das musikalische Manifest L’arte dei rumori (Die Kunst der Geräusche). Ausgehend von dem Geräuschpegel moderner Großstädte und Maschinen, setzte er sich mit der Behandlung von Geräuschen in der Musik auseinander. Russolo entwickelte verschiedene Instrumente zur Geräuscherzeugung, die Intonarumori. Das waren verschiedene Kästen mit Schalltrichtern und spezieller Membrane zur Erzeugung unterschiedlicher Geräusche. Der Bruitismus ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil neben der Dissonanz als Klang gerade das Geräusch von Komponisten nach 1945 als grundlegendes und selbstverständliches Gestaltungsmittel Verwendung fand.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: keine herkömmliche Melodie, unterschiedlich hohe Lagen
  • Rhythmik: eher statisch, unterschiedliche Impulsfolgen in den Geräuschen
  • Harmonik: Geräusche
  • Form, Struktur: Reihung unterschiedlicher Geräuscharten
  • Dynamik: flexibel je nach Art des Geräusches
  • Klang: unterschiedlich je nach Geräuscherzeuger
  • Wirkung: provozierend, erdrückend bis heiter

 

Hörbeispiel (Luigi Russolo: Risveglio di una città, 1913)

 

 

 

 

 

Im Laufe des Ersten Weltkriegs breitete sich eine Bewegung, der Dadaismus, in ganz Europa aus. Dadaismus oder auch Dada war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 von Hugo Ball, Hans Arp und anderen in Zürich begründet wurde und sich durch Ablehnung konventioneller Kunst und bürgerlicher Ideale auszeichnet. Künstler protestierten durch gezielte Provokationen gegen den Krieg und das obrigkeitsstaatliche Bürger- und Künstlertum. Gegen den Nationalismus und die Kriegsbegeisterung vertraten sie Positionen des Pazifismus. Ihre Kunst stellte in provozierender Weise herkömmliche Werte in Frage. Traditionelle Objekte wurden satirisch verwendet und zu eigentlich nicht passenden Objekten in Verbindung gesetzt. Die Gewohnheiten traditioneller Kunstbetrachtung werden gestört. Hugo Ball zerlegt in seinen Lautgedichten die Sprache in einzelne Silben und fügt sie zu rhythmischen Klanggebilden zusammen. In der Musik werden gewohnte Kompositionsnormen zerstört und einfaches ursprüngliches Klangmaterial in ungewohnter Weise zusammengesetzt. Zufallsgesteuerte Aktionen wurden den durch Disziplin bestimmten künstlerischen Verfahren entgegengesetzt. Auch von der Dada-Bewegung gingen erhebliche Impulse auf die Kunst der Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst aus.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: beliebige, unzusammenhängende Motive
  • Rhythmik: frei, impulsiv
  • Harmonik: beliebig, vom Klang bis zum Cluster
  • Form, Struktur: frei, beliebig, ungeplant
  • Dynamik: willkürliche Ausbrüche
  • Klang: vom Einzelton bis zum Cluster
  • Wirkung: provozierend, spontan

 

Hörbeispiel (Hugo Ball: Klavierimprovisation zum Vortrag eines Lautgedichts im Club Voltaire, 1916)

 

 

 

 

 

Im 1921 entstandenen Musikstück Ameriques von Edgar Varèse (1883–1965) kann man die Einflüsse des Dadaismus gut erkennen. Varèse begegnet diesen Ideen in New York. Das Stück verbindet sehr unterschiedliches Klangmaterial und unterschiedliche Stilmittel, die in den 60er Jahren wieder als neu auftauchen, so etwa expressionistische Gestaltungsmittel, Cluster, experimentelle Klangmöglichkeiten, Einsatz von Geräuschen.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: vom weichen Motiv bis zum bizarren Gebilde
  • Rhythmik: extrem unterschiedlich, impulsive Ausbrüche
  • Harmonik: vom Einzelton bis zum Geräuschausbruch
  • Form, Struktur: Folge unterschiedlichster Schallereignisse
  • Dynamik: extreme Unterschiede, Kontraste, Übergänge
  • Klang: Einzelton, Cluster, Geräusch, Klangexperimente
  • Wirkung: verwirrend, provozierend,

Hörbeispiel (Edgar Varèse: Ameriques, 1918-22)

 

 

 

 

 

Zu Beginn der 20er Jahre versucht Arnold Schönberg eine ord­nende Kompositionstechnik, die Zwölftontechnik, einzubringen. Ausgehend von einer Tonreihe mit allen 12 verschiedenen Tönen darf in einem Musikstück kein Ton wiederholt werden ehe nicht alle 12 Töne verwendet wurden. Schönberg macht durch sein Kompositions­prinzip die Dissonanz zum vorherrschenden Klang seiner expressionistischen Klanggebilde. Allerdings ist er durch diese Kompositionstechnik in rhythmischer, dynamischer, selbst auch in melodischer Hinsicht nicht eingeschränkt. Seine Musik lebt und atmet.

Die Musik in Stichworten (siehe Expressionismus)

  • Melodie: ungesanglich, teilweise scharfkantig, sprunghaft, auch prägnante Motive
  • Rhythmik: scharfe, impulsive Ausbrüche, auch prägnante Abschnitte
  • Harmonik: scharfe Dissonanzen, atonal
  • Form, Struktur: Formale Festigung, auch traditionelle Formen
  • Dynamik: Kontraste, Ausbrüche
  • Klang: scharfe Klangausbrüche
  • Wirkung: extrovertiert, expressiv, lebendig

 

Hörbeispiel (Arnold Schönberg: Klavierstücke op. 25, 1921-23)

 

 

 

 

 

Die soziale, politische und wirtschaftliche Wirklichkeit der Weimarer Republik, die Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges, die Inflation und die Maschinenwelt beeinflussen die Künstler der Neuen Sachlichkeit. In der Literatur werden Personen dargestellt, deren Gefühle zwar vorhanden sind, aber kaum gezeigt werden. Oft sind Ingenieure, Arbeiter, Sekretärinnen, Angestellte oder Arbeitslose die Hauptfiguren, also einfache Leute aus der modernen Massengesellschaft. Soziale, wirtschaftliche und persönliche Probleme, verursacht durch die enormen gesellschaftlichen und technischen Veränderungen, sind Gegenstand der Handlung. In der Musik Anton Weberns (1883–1945) können wir die gegenüber dem Expressionismus stark reduzierte Emotionalität nachempfinden.

 

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: bizarre Melodielinien, kurze, häufig sprunghafte Motive
  • Rhythmik: sehr differenzierte, wenig fassbare Rhythmik
  • Harmonik: dissonant
  • Form, Struktur: Folge von Spannung und Entspannung
  • Dynamik: sehr differenziert, flexibel
  • Klang: vom zarten Klanggebilde bis zum intensiven Klangausbruch
  • Wirkung: beißend kalt, rational, distanzierend

 

Hörbeispiel (Anton Webern: 6 Stücke für Orchester op. 6, 1928)

 

 

 

 

 

Die Literaten und Musiker Bertolt Brecht (1998–1956), Kurt Weill (1900–1950) und Hans Eisler (1898–1962) stehen für die sozialkritische Richtung der Neuen Sachlichkeit. Die sozialen Probleme der 20er Jahre, das Auseinanderklaffen von Reichtum und Armut, die zunehmende Arbeitslosigkeit, die Unterdrückung der Kritiker und der Aufruf zur Solidarität sind die Inhalte. Die Komponisten verwenden neben traditionellen auch populäre Stilmittel, um viele Betroffene anzusprechen.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: eingängig, einprägsam
  • Rhythmik: zum Teil an der U-Musik orientierte Begleitrhythmik
  • Harmonik: überwiegend konsonant
  • Form, Struktur: Strophe und Refrain, überschaubar, Reihungen
  • Dynamik: unterschiedlich, flexibel
  • Klang: unterschiedlich
  • Wirkung: eindringlich

 

Hörbeispiel (Bertolt Brecht/Kurt Weill: 2. Finale der Dreichgroschenoper, 1928)

 

 

 

  

 

Der Folklorismus (Béla Bartók, 1881–1945), die Erweiterte Tonalität (Paul Hindemith,1895–1963), der Elementarismus (Carl Orff, 1895–1982) und der Neoklassizismus (Igor Strawinsky, 1882–1971) bezeichnen weitere musikalische Ansätze, die aber für die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert weniger von Bedeutung sind.

Der sich anbahnenden Katastrophe des Nationalsozialismus können Künstler kaum entgegenwirken. In der Zeit zwischen 1933 und 1945 werden unerwünschte Ideen, die nicht in das nationalsozialistische Kulturverständnis passten, in Deutschland als „Entartete Kunst“ unterdrückt. Entweder hatten sich die Künstler anzupassen oder sie mussten in andere Länder emigrieren, um zu überleben. Die Musik im Nationalsozialismus verherrlicht durch stumpfsinnige, die Massen mobilisierende Märsche — zum Teil mit Texten zum Mitsingen — und das Soldatenleben beschönigende marschorientierte Schlager die aggressive Ideologie. Die Kunst stand im Dienst der Propaganda und erzielte wohl trotz ihrer dümmlich naiven Gestaltung Wirkung, um die Massen zu mobilisieren und das Soldatentum zu verherrlichen. Einer der Texter und Komponisten von Marschliedern war Herms Niel, der 1933 in die NSDAP eintrat und für die Propaganda des NS-Regimes eine wichtige Rolle spielte.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: einprägsam, leicht zum Mitsingen
  • Rhythmik: marschmäßig, gleichförmig
  • Harmonik: einfach, Kadenzorientiert
  • Form, Struktur: Strophe und Refrain
  • Dynamik: gleichförmig
  • Klang: kraftvoll, Blasmusik
  • Wirkung: protzig

 

Hörbeispiel (Herms Niel: Es ist so schön Soldat zu sein, 1930)

 

 

 

  

 

Nach 1945 beginnt ein großes Aufatmen in der zum Schweigen gebrachten kritischen und kreativen Künstlerschaft. Ein freies Kulturleben, oftmals unabhängig vom politischen und gesellschaftlichen Alltag, bringt eine Vielzahl kreativer Ideen hervor.

Die Musique concrète (Pierre Schaeffer, 1910–1995) erweitert das Klangmaterial durch alltägliche Schallereignisse, Umweltschall wird mit technischen Mitteln verfremdet, die sich weiter entwickelten Möglichkeiten der Technik spielen eine wichtige Rolle.

 

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: Schall in unterschiedlichen Tonlagen
  • Rhythmik: entsprechend des verwendeten Schallereignisses
  • Harmonik: überwiegend geräuschhaft
  • Form, Struktur: Reihung von Schallereignissen
  • Dynamik: unterschiedlich, je nach Schallereignis
  • Klang: Umweltschall
  • Wirkung: assoziativ

 

Hörbeispiel (Pierre Schaeffer: Etudes aux chemins de fer, 1948)

 

 

 

 

  

Zu Beginn der 50er Jahre stehen sich 3 Ansätze gegenüber. Einerseits versuchen Pierre Boulez (1925 – 2016) und Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007) in der seriellen Musik die Reihentechnik der Zwölftontechnik auch auf die Notenwerte, Dynamik und Anschlagsarten zu übertragen. Durch Verwendung eines Zahlenquadrates werden die Folgen der zu verwendenden Tonreihen einschließlich der dazugehörigen Dauern-, Dynamik- und Artikulationswerte ermittelt. Die Musik ist völlig vorausbestimmt, sie wirkt mechanisch, leblos und starr. Sämtliche traditionellen Bindungen sind abgeworfen.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: äußerst unmelodisch, zusammenhangslose Motivstrukturen, Einzeltöne
  • Rhythmik: unprägnant, willkürlich erscheinend
  • Harmonik: dissonant, atonal
  • Form, Struktur: keine hörend nachvollziehbaren Formverläufe
  • Dynamik: leblos, starr, mechanisch wechselnd
  • Klang: nicht Klang-orientiert
  • Wirkung: leblos, emotionslos, starr, mechanisch:

 

Hörbeispiel (Pierre Boulez: Structures, 1952)

 

 

 

 

  

Auf der anderen Seite provoziert John Cage (1912 – 1992) das Musikpublikum durch eigenwillige Kompositionstechniken, in der Absicht eingefahrene Hörgewohnheiten aufzubrechen. Die Aleatorik unterwirft den Kompositionsvorgang dem Zufall (Münzwurf, Unregelmäßigkeiten des Papiers) und gibt dem Interpreten eine weitgehende Freiheit bei der Realisation des Kompositionsresultats. Dadurch wird die Musik aber wieder lebendig, sie ist spontan und impulsiv.

Die Musik in Stichworten 

  • Melodie: Motivfolgen und auch durchaus melodisch geprägte Verläufe
  • Rhythmik: wenig prägnant, impulsiv
  • Harmonik: überwiegend dissonant, auch konsonante Klänge
  • Form, Struktur: frei, offen
  • Dynamik: Kontraste und Übergänge
  • Klang: von Einzelton bis zum Cluster, ganze Spannbreite der Klaviatur
  • Wirkung: unterschiedlich, lebendig, impulsiv
  • Sonstiges: Collage aus Tönen, Klängen, Rhythmen

 

Hörbeispiel (John Cage: Music of changes, 1951)

 

 

 

 

 

Neben der Aleatorik und der seriellen Musik wird aber auch Musik komponiert, die sich als Weiterführung der spätromantischen Musik (Henze) begreifen lässt und eine Verbindung von Tradition und Moderne darstellt. Die musikalischen Formen wie Oper, Sinfonie oder Konzert lassen die Hinwendung zur Tradition erkennen, die musikalischen Gestaltungsmittel weisen in die Moderne.

Die Musik in Stichworten 

  • Melodie: gesanglich Motive und sprunghafte, ungesangliche Intervallstrukturen
  • Rhythmik: sehr differenziert, prägnante und unprägnante Abschnitte
  • Harmonik: konsonant und dissonant, atonal, teilweise Kadenzorientierung
  • Form, Struktur: Anlehnung an klassische Formen
  • Dynamik: flexibel, Kontraste und Übergänge
  • Klang: farbig, differenziert
  • Wirkung: unterschiedlich, von zarten bis impulsiven, aggressiven Emotionen

 

Hörbeispiel (Hans Werner Henze: Sinfonie Nr. 4, 1955)

 

 

 

 

  

Auch die Technik hält Einzug in die Musik. Die Entwicklung synthetischer Klangerzeugung erweckt das Interesse einiger Komponisten. Die elektronische Musik (Eimert, Ligeti) bringt durch den Einsatz elektronisch erzeugter Klänge neue Impulse.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: meist zusammenhangslose Einzeltöne, nicht Melodie-orientiert
  • Rhythmik: nicht fassbar, teilweise statisch
  • Harmonik: vom Einzelton bis zum Cluster
  • Form, Struktur: Reihung unterschiedlicher elektronischer Gestaltungsmittel
  • Dynamik: unterschiedliche Abschnitte, keine Übergänge
  • Klang: rein synthetisch
  • Wirkung: assoziativ

 

Hörbeispiel (György Ligeti: Artikulation, 1958)

 

 

 

 

 

Zu Beginn der 60er Jahre arbeiten einige Komponisten (Ligeti, Penderecki) mit der Clustertechnik, Kompositionen mit dissonanten Klangflächen, breite Klangflächen mit vielen Tönen, schmale Flächen mit weniger Töne, sich auf- und abwärts bewegende Flächen und verschiedenen Variationsmöglichkeiten.

Die Musik in Stichworten 

  • Melodie: Klangflächen, die sich in unterschiedlichen Tonlagen bewegen
  • Rhythmik: statisch
  • Harmonik: dissonante Klangflächen mit unterschiedlicher Dichte
  • Form, Struktur: Reihung unterschiedlicher Clustergestalten
  • Dynamik: unterschiedlich, je nach Anzahl der Töne einer Klangfläche
  • Klang: Mischklänge
  • Wirkung: unterschiedlich, assoziativ

 

Hörbeispiel (György Ligeti: Atmosphères, 1961)

 

 

 

 

 

 

In der Experimentellen Instrumentalmusik experimentieren Komponisten mit neuen Klangerzeugern, neuartigen Klängen und Spieltechniken. Nicht alle Ideen allerdings sind neu, sondern tauchten schon zwischen 1910 und 1920 auf.

Die Musik in Stichworten 

  • Melodie: nicht melodieorientiert (Klangeffekt-Orientierung)
  • Rhythmik: eher statisch
  • Harmonik: überwiegend dissonant, häufig Clusterbildungen
  • Form, Struktur: Reihung unterschiedlich Klangstrukturen
  • Dynamik: unterschiedlich, Kontraste und Übergänge
  • Klang: vom zarten Einzelton bis zum schrillen Blechbläsercluster
  • Wirkung: assoziativ, originell
  • Sonstiges: experimentell, Einsatz von ungewöhnlichen Instrumenten und experimenteller Klangerzeugung

 

Hörbeispiel (Krzystof Penderecki: Fluorescences, 1974)

 

 

 

 

 

Ein Großteil der Musikhörer will und kann diesen Entwicklungen nun aber nicht mehr folgen. Manche Komponisten müssen erkennen, dass sie für sich selbst Musik komponieren. Ein Umdenken und eine Hinbewegung zum Hörer setzt in den 70er Jahren ein. So macht es die Minimal music (Glas, Reich) dem Hörer wieder einfacher, die Musik klingt „schöner“ (konsonant) und die Strukturen sind eher überschaubar.

Die Musik in Stichworten

  • Melodie: sich fortwährend wiederholende und sich verändernde Motive, Kreisbewegung
  • Rhythmik: statisch, monoton, im Ablauf immer leicht wechselnde Metrik
  • Harmonik: konsonante Klänge, die sich zeitlich immer leicht verändern
  • Form, Struktur: keine Zäsuren, fortwährende Veränderungen
  • Dynamik: wenig differenziert
  • Klang: kontinuierlich wechselnd, eher weich
  • Wirkung: meditativ
  • Sonstiges: Rhythmisch-melodische Motive, die sich fortwährend verändern

 

Hörbeispiel (Steve Reich: Music for 18 musicians, 1976)

 

 

 

 

 

Eine Fülle weiterer Kompositionsideen zeigt sich in den Musikwerken, die versuchen, alte Tradition (Spätromantik, Expressionismus) in einer Synthese mit den neuen Ideen des 20. Jahrhunderts zu verbinden.

Die Musik in Stichworten 

  • Melodie:
  • Rhythmik:
  • Harmonik:
  • Form, Struktur:    (Beschaffenheit der einzelnen Gestaltungsmittel je nach verwendetem Stil oder kompositorischer Idee)
  • Dynamik:
  • Klang:
  • Wirkung:
  • Sonstiges: Synthese aus traditionellen und neuen Gestaltungsmittel

 

Hörbeispiel (Bernd Alois Zimmermann: Die Soldaten, 1965)

 

 

 

 

 

Die letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und ebenso die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts bringen nichts grundlegend Neues hervor. Den Komponisten steht ein breites Schallspektrum zu Verfügung, das sie nach ihren Ideen strukturieren und mit individuellen Inhalten gestalten können.